Archiv für den Autor: medicus

Stimmung und Stimmen

Zu den seltenen Lichtblicken in diesem für Rot-Grün düsteren Umfragejahren gehörten die politischen Stimmungsbilder der Forschungsgruppe Wahlen. Nun sind solche Stimmungsbilder von Natur aus volatiler als die Projektionen zur Sonntagsfrage. Auch sind die Werte eines einzelnen Umfrageinstituts weniger verlässlich als der Umfrageschnitt.

Trotzdem war es interessant, dass Rot-Grün in der politischen Stimmung Anfang August mit 46% vor Schwarz-Gelb mit 44% lag. Schließlich hatte sich 2005 der Umschwung in den letzten Wahlkampfwochen frühzeitig in der politischen Stimmung abgezeichnet. Doch danach sieht es 2013 nicht aus: DIese Woche haben sich die Politbarometer-Stimmungswerte scharf zugunsten von Schwarz-Gelb (51% zu 37%) gedreht.

Stimmung

 

Ein Wählerrätsel

In der gleichen Infratest dimap-Umfrage erklären 78% Merkels Aussagen zur NSA-Spähaffäre für nicht glaubwürdig…

ARD-DeutschlandTREND_August2013_NSA

… aber 65% halten sie dennoch für eine glaubwürdige Politikerin! Das impliziert eine Schnittmenge von mindestens 43% der Bevölkerung, die Merkel trotz vermuteter NSA-Lügen weiter für insgesamt glaubwürdig halten.

ARD-DeutschlandTREND_August2013_15_merkel

Ein Beleg dafür, dass die Bevölkerung bei der Glaubwürdigkeit von Politikern keine allzu hohen Standards ansetzt? Oder ein Beispiel für Merkels Sonderstellung als Teflon-Kanzlerin?

 

Vierzig Tage zur Bundestagswahl

Vierzig Tage vor der Bundestagswahl steht die regierende schwarz-gelbe Koalition einer Wiederwahl deutlich näher als Rot-Grün dem erhofften Wahlsieg. Nach dem Durchschnitt der Umfrageinstitute fehlen Schwarz-Gelb dazu nur 0,1% der Stimmen. Sozialdemokraten und Grüne benötigt hingegen einen Wählerswing von 5,2% zu ihren Gunsten, um gemeinesam eine knappe Merheit zu erringen – genauso viel wie vor einem Monat.

Umfrageschnitt, 13.08.2013: Union 40,4, SPD 25,2, Grüne 13,4, FDP 5,2, Linke 7,1, Piraten 2,3, AfD 2,5.

Wie aussagekräftig sind diese Umfragewerte für die Wahl am 22. September? Ein Blick zurück auf die Umfrageergebnisse 40 Tage vor den Bundestagswahlen 2005 und 2009 zeigt, dass ganz unterschiedliche Szenarien denkbar bleiben.

2009 gab der Umfrageschnitt zu diesem Zeitpunkt schon einen ziemlich präzisen Ausblick auf den Ausgang der Bundestagswahl: Ein komfortabele schwarz-gelbe Mehrheit, die SPD auf Rekordtief, Grüne und LInke mit historischen Spitzenergebnissen. In den letzten sechs Wochen eines lustlosen Wahlkampfs verloren sowohl Schwarz-Gelb als auch Rot-Grün Stimmanteile. Der Umfrageschnitt im einzelnen: Union 36,4  (Wahlergebnis: 33,8), SPD 23,0 (23,0), FDP 14,3 (14,6), Grüne 12,2 (10,7), Linke 9,8 (11,9).

2005 liefert den Gegenentwurf. Auch vierzig Tage vor der Wahl gaben die Umfragen noch keinen Anlass zu Zweifeln am sicher geglaubten schwarz-gelben Wahlsieg. Die beiden Wunschkoalitionspartner kamen zusammen auf 51% der Stimmen, Rot-Grün lag abgeschlagen bei 35%. Es sollte anders kommen: In den letzten Wochen eines intensiven, polarisierenden Wahlkampfes verlor die konservativ-liberale Opposition kanpp 6%, während die Regierungsparteien über 7% zulegten: Union 43,7 (35,2), SPD 27,1 (34,2), FDP 7,2 (9,8), Grüne 8,0 (8,1), Linke 10,5 (8,7).

Freilich hatte die SPD 2005 den Kanzlerbonus, einen Spitzenkandidaten, der im direkten Vergleich besser abschnitt als seine Herausforderin, und ein breites Feld zur inhaltlichen Profilierung dank der übermütig vorgetragenen umwälzenden Steuerpläne von Schwarz-Gelb. Alles Vorteile, die ihr 2013 schmerzlich fehlen. Angesichts der in den letzten Wochen der Wahlkämpfe 2005 und 2009 gezeigten Mobilisierungsschwäche erscheint aber auch keine besondere schwarz-gelbe Siegeszuversicht angebracht.

 

Blick zurück: 100 Tage vor der Bundestagswahl

Zur Einordnung der aktuellen Umfragezahlen ein wenig historische Perspektive. Unten ist der Umfrageschnitt jeweils 100 Tage vor den letzten Bundestagswahlen aufgeführt. In Klammern finden sich die jeweiligen Veränderungen bis zur Wahl.

2009: CDU/CDU 35,8 (-2,0), SPD 24,3 (-1,3), Grüne 12,1 (-1,4), FDP 14,1 (+0,7), Linke 9,5 (+2,4). Koalitionsprognose: Schwarz-Gelb. Swing zwischen den Lagern bis zur Wahl: 0,7% zugunsten von Schwarz-Gelb.

2005: CDU/CSU 46,4 (-11,2), SPD 28,5 (+5,7), Grüne 8,6 (-0,5), FDP 6,8 (+3,0), Linke 5,3 (+3,4). Koalitionsprognose: Schwarz-Gelb. Swing zwischen den Lagern bis zur Wahl: 7,2% zugunsten von Rot-Grün.

2002: CDU/CSU 38,8 (-0,3), SPD 34,6 (+3,9), Grüne 6,6 (+2,0), FDP 10,7 (-3,3), Linke 5,6 (-1,6). Koalitionsprognose: Schwarz-Gelb. Swing zwischen den Lagern bis zur Wahl: 4,7% zugunsten von Rot-Grün.

Bei allen drei Bundestagswahlen von 2002 bis 2009 sah es 100 Tage vor der Wahl nach einem Wahlsieg für Schwarz-Gelb aus. Gemeinsam kamen Union und FDP zu diesem Zeitpunkt in den Umfragen auf 49%-53%.

2005 zeigten die Umfragen einen schwarz-gelben Vorsprung vor Rot-Grün von sage und schreibe 16%, 2002 stolze 8,5%. Doch in beiden Fällen lag am Wahlabend schließlich Rot-Grün vor Schwarz-Gelb. 2002 bescherten Oderflut und Irak-Krieg Rot-Grün einen Mobilisierungsschub, 2005 eine erfolgreiche inhaltliche Kampagne gegen die Steuerpläne der Union. 2009 dagegen fiel die rot-grüne Aufholjagd aus. Merkels Demobilisierungsstrategie wirkte.

Was heißt das für 2013? Auch wenn der Wahlkampf bislang eher an 2009 erinnert als an 2002 oder 2005, kann auf den etzten Hundert Tagen noch viel passieren. Schwarz-Gelb liegt mit knapp 45% deutlich schlechter als in den letzten Wahljahren, Rot-Grün trotz schwacher 40% immer noch besser als 2005 und 2009. Und der für eine rot-grüne Merheit erforderliche Wählerswing von 4,4% ist nicht präzedenzlos.

Was sagen uns die Landesumfragen zur Bundestagswahl?

Die letzten Wochen haben ein Dutzend neue Länder-Umfragen gebracht, bei denen auch nach der Wahlabsicht zur Bundestagswahl gefragt wurde. Den Infratest dimap Landes-Trend aus Baden-Württemberg, Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und dem Saarland sowie Forsa-Umfragen aus Bayern und Berlin. Der jeweilige rot-grüne Stimmenanteil ist in den der folgenden Grafik darfgestellt.

Landesumfragen

Wie gut oder schlecht sehen diese Zahlen im Vergleich zu früheren Wahlergebnissen aus? Die nächste Grafik zeigt die Gewinne und Verluste gegenüber den Bundestagswahlen 2009 (grüner Balken) und 2002 (rot). Die gute Nachricht ist, dass Rot-Grün in allen Ländern deutlich über dem Ergebnis der verlorenen Bundestagswahl 2009 liegt. An die Stimmergebnisse der gewonnen Bundestagswahl 2002 kommen SPD und Grüne aber in keinem Land heran.

Landesumfragen Gewinne

Nun sähe ein rot-grüner Wahlerfolg 2013 sicher anders aus als 2002. Zum einen könnte aufgrund der weiteren Zersplitterung der Parteienlandschaft nach den aktuellen Umfragen schon ein Stimmanteil von nur 44,0% reichen, um Rot-Grün eine Mehrheit der Sitze zu verschaffen. Zum anderen sind Änderungen im regionalen Wahlverhalten zu berücksichtigen, wie sie bei der letzten Bundestagswahl deutlich wurden. Deshalb wird als dritter Vergleichswert ein rot-grünes Wahlsiegs-Szenario herangezogen (SPD 29%, Grüne 15%, Bund-Länder-Stimmverteilung wie 2009).

In diesem durch die violetten Balken dargestellten Szenario ergeben sich markante Unterschiede zum Wahlergebnis 2002. Brandenburg und das Saarland tragen erheblich weniger zum rot-grünen Gesamtergebnis bei als 2002. Dafür müsste Rot-Grün in Bayern trotz des geringeren bundesweiten Stimmanteils mehr Stimmen gewinnen als 2002.

Die abschließende Grafik zeigt, wie weit Rot-Grün in den einzelnen Ländern auf dem Weg von dem schlechten Wahlergebnis 2009 zu einem Sieg bei der Bundestagswahl 2013 gekommen ist. In NRW, Baden-Württemberg, Brandenburg und dem Saarland liegt Rot-Grün demnach zumindest in Reichweite der Ergebnisse, die für einen Wahlsieg nötig wären. In Bayern und vor allem in Berlin sind sie weit davon entfernt.

Aufholfaktoren

Der Unterschied lässt sich zum Teil mit den institutstypisch schlechten Abschneiden der SPD in Forsa-Umfragen erklären. Doch insbesondere das Berliner Ergebnis deutet auch auf gravierende regionale Schwierigkeiten der SPD bei der Wählermobilisierung hin.

Die geheimen Vorlieben der Meinungsforscher, Teil 2

Nein, der Countdown zur Bundestagswahl wechselt nicht ins Fach “Klatsch und Tratsch”. Es geht nur um ein Update zur Analyse über den bias der Meinungsumfragen, die aus der Methodik der einzelnen Umfrageinstitute folgende Tendenz der Institute für einzelne Parteien besonders gute oder schlechte Werte zu ermitteln. Hier also die durchschnittlichen Abweichungen der Institute vom Umfrageschnitt, auf der Grundlage der Zahlen von 30 Wochen Countdown zur Bundestagswahl:

Die negativen Forsa-Zahlen der SPD bleiben der mit Abstand stärkste erkennbare bias. Dafür schneidet die Linke bei Herrn Güllner auffällig gut ab. Die Emnid-Zahlen liegen am nächsten am Umfrageschnitt. Und die Grünen kommen bei keinem Institut ungewöhnlich gut weg, die FDP nirgendwo besonders schlecht.

Kommunalwahl an der Küste: Grüne und SPD legen zu

Die Kommunalwahl am 26. Mai brachte Gewinne für SPD und Grüne bei deutlichen Verlusten von Linken und FDP. Das vorläufige landesweite Ergebnis (in Klammern der Vergleich zur Kommunalwahl 2008):

CDU 38,9 (+0,3), SPD 29,8 (+3,2), Grüne 13,7 (+3,4),FDP 5,0 (-4,0), Linke 2,5 (-4,4).

In absoluten Stimmen stellen sich die Gewinne und Verluste so dar:

S-H Kommunalwahl

Grüne Steuerpläne – populär und doch gefährlich?

Die grünen Steuerpläne sind populär. In einer Umfrage nach der anderen erklärt eine deutliche Mehrheit der Befragten es für richtig, die Steuern auf hohe Einkommen und große Vermögen anzuheben. Letzte Woche haben das zwei neue Umfragen noch einmal unterstrichen, davon eine aus Baden-Württemberg. Dass die Grünen im Gegenzug 90% der Bevölkerung mehr Geld im Portemonnaie belassen wollen, wird dabei meist nicht einmal erwähnt. Für diesen Teil der grünen Pläne dürfte eine noch größere Zustimmung zu vermuten sein.

Andererseits erklären im Deutschlandtrend von Infratest dimap 56% der Befragten, die Steuerpläne würden den Grünen eher schaden. Im Politbarometer der Forschungsgruppe Wahlen sind es 53%. Es gibt also eine nennenswerte Zahl an Menschen, die die Pläne der Grünen in der Sache richtig, aber wahltaktisch gefährlich finden. Wie lässt sich das erklären?

Eine Standardantwort gibt es schon deshalb nicht, weil die Frage nach den vermuteten Wahlauswirkungen eines politischen Vorschlags nicht Standard. Ausweislich der monatlichen Umfrageberichte hat Infratest dimap zum Beispiel eine solche Frage seit Anfang 2009 kein einziges Mal gestellt. Erst die grünen Steuerpläne brachten das Umfrageinstitut offenbar auf die Idee, nach der ermittelten Zustimmung zur grünen Politik in dieser Form nachzuhaken.

Mögliche Erklärungsversuche wären:

1. Informationsverzögerung: Die Befragten hatten noch nicht mitbekommen, dass die Mehrheit die grünen Pläne unterstützt. Sobald sich das rumspricht, ändert sich auch die Einschätzung der Wahlauswirkungen.

2. Medien-Echo: In Ermangelung anderer Anahltspunkte setzen die Befragten die überwiegend negativen Reaktion der Medien mit der zu erwarteten Reaktion der Wählerschaft gleich.

3. Nüchterne Abwägung: Die Befragten wissen, dass die Vorschläge bei der Mehrheit gut ankommen, erwarten aber trotzdem Wahlnachteile, z.B.  weil die Gegner besonders einflussreich sind.

4. Risikoscheu: Wie in anderen Fragen auch, sehen die Deutschen auch bei politischen Initiativen  grundsätzlich eher die Risiken als die Chancen.

5. Gemischte Gefühle: Die Befragten unterstützen dei grünen Pläne zwar grundsätzlich, haben aber diffuse Vorbehalte, denen bei der Frage nach den Wahlauswirkungen Ausdruck verleihen.

Welche Erklärung ist am überzeugendsten? Countdown zur Bundestagswahl freut sich auf Zuschriften. Unser Tipp ist eine Kombination der Gründe Nr. 2 und Nr. 3.

Umfrageninstitute zwischen Buddha und Drama-Queen

In den letzten Wochen waren in einigen Umfragen größere Sprünge zu sehen. Dabei fällt auf, dass manche Institute eher stabile Werte liefern, während bei anderen größere Ausschläge an der Tagesordnung sind. Das verdient nähere Untersuchung! Countdown zur Bundestagswahl hat deshalb die Schwankungen der Umfragewerte für Union, SPD, FDP, Grüne, Piraten und Sonstige in den Umfragen seit Anfang November 2012 betrachtet. Der folgende Chart gibt die durchschnittlichen Gewinne (und spiegelbildlichen Verluste) der Parteien pro Umfrage an. In Klammern ist die Zahl der zugrunde liegenden Umfragen genannt.

Hiernach ist die GMS die unbestreitbare Drama-Queen der Umfrageszene, mit Ausschlägen von Plus und Minus 4,2 Prozentpunkten pro Umfrage. Das lässt sich nur teilweise mit dem zeitlichen Abstand zwischen den monatlichen Umfragen erklären. Allensbach und FGW liefern bei einem vergleichbaren Umfrage-Rhytmus deutlich stabilere Werte. Unter den quasi-wöchentlichen Umfragen fällt Emnid durch relative innere Ruhe auf, Forsa eher durch Hektik.

Für diese Unterschiede gibt es sicher methodische Gründe. Rätselhaft scheint dagegen, dass von 134 Umfragen der sieben Institute keine einzige ein unverändertes Ergebnis brachte. Reiner Zufall? Oder ein stummes Anerkenntnis der Tatsache, dass die auftraggebenden Medien  Umfragezahlen mit Nachrichtenwert brauchen?