Veggie-Day: Als Idee gut, als grüner Vorschlag nicht?

Bei der Wahlanalyse der Grünen dürfte nach dieser Woche der Veggie-Day nur eine Nebenrolle spielen. Trotzdem ist es interessant, zwei widersprüchlich Umfragen dazu zu vergleichen.

Laut einer gestern veröffentlichten Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach finden 46% der Bevölkerung einen fleischlosen Tag in Kantinen eine gute Idee. Nur 41% sind anderer Meinung. Demgegenüber hatte Infratest dimap Anfang August nur 36% Zustimmung und 61% Ablehnung zum Veggie-Day gemessen. Wie lässt sich diese Diskrepanz erklären? Hat etwa die Debatte der letzten Wochen die Stimmung so stark zugunsten eines vegetarischen Tages verschoben?

Es könnte auch an der Fragestellung liegen: Während Allensbach in der Frage neutral vom Vorschlag eines Veggie Days berichtete, identifizierte Infratest dimap die Idee als grünen Vorschlag. Offenbar gibt es also Leute die einen Veggie-Day gut finden – aber nur, wenn er nicht von den Grünen kommt! Dazu passt, dass die  parteibezogegenen Frage zu einer etwas höheren Zustimmung unter Grünen-Anhängern führt, die neutrale Frage zu höherer Zustimmung bei allen anderen Parteien: Einen Veggie-Day finden 44% der CDU/CSU-Anhänger gut. Den grünen Vorschlag dazu nur 29%.

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Neue Umfragen, alte Zahlen

Kurz vor der Wahl beteiligen sich noch zwei neue Institute am allgemeinen Umfragereigen:

Das IfM Leipzig für die örtliche Volkszeitung und Trend Research für Radio Hamburg. Die Zahlen – Union 38, SPD 26/27, Grüne 9/10, FDP 5, Linke 10/9, AfD 5/4,5 (!) – sind schon etwas älter und weder durch die Bayern-Wahl noch die aktuelle Debatte um die Geschichte der Grünen beeinflusst.

Unter Berücksichtigung dieser und der neuen Allensbach-Werte sähe der Umfrageschnitt heute, 4 Tage vor der Wahl so aus (mit Vergleich zur Vorwoche):

Union 39,0  (-1,0)
SPD 26,7 (+0,8)
Grüne 10,2 (-0,4)
FDP 5,1 (-0,2)
Linke 8,9 (+0,4)
AfD 3,7 (+0,7)
Piraten 2,6 (=)

Schwarz-Gelb 44,1 : Opposition 45,8.

TV-Duell: Macht es einen Unterschied?

In den Umfragen nach TV-Duellen gab es meicht nur leichte Verschiebungen in den Kräfteverhältnissen der Parteilager. Rot-Grün legte nach Schröders Duell-Erfolgen 2002 und 2005 etwas zu, ebenso nach Steinmeiers Patt 2009.

Duell Auswirkungen neu Umfrage

(Die Tabelle zeigt die durchschnittliche Veränderungen der Wahlumfragen unmittelbar nach dem Duell bei Infratest, FGW und Forsa.)

Bis zur Wahl konnte Rot-Grün nach den erfolgreichen Schröder-Duellen jeweils noch weiter zulegen, 2005 sogar deutlich. Das Patt 2009 hinterließ am Wahltag dagegen keine Spuren.

Duell Auswirkungen neu Wahl

(Die Tabelle zeigt die Abweichung des Wahlergebnisses vom Umfrageschnitt der letzten Umfrage vor dem TV-Duell bei Infratest, FGW und Forsa.)

Update 11.09.: Nachdem nun auch Forsa seine ersten komplett nach dem TV-Duell erhobenen Daten veröffentlicht hat, lässt sich Bilanz ziehen: Der erhoffte Schub für Rot-Grün ist ausgeblieben. Auf die Stärke der politischen Lager hatte das Kanzlerduell keine messbare Auswirkung. Signifikante Bewegung gab es nur von den Grünen (-1,7) hin zur SPD (+1,4).

Duell 2013

TV-Duell: Bisher keine Außenseitersiege

Bei den bisherigen vier TV-Duellen vor Bundestagswahlen hat in den Augen der ZuschauerInnen zweimal der Amtsinhaber gewonnen, zweimal gab es ein Patt. Der Herausforderer wurde noch nie zum Sieger gekürt. Peer Steinbrück hat am Sonntag also die Chance, Neuland zu betreten.

Duell gewonnen

(Die Tabelle zeigt die Durschnittswerte der genannten Umfrageinstitute zur Frage “Wer hat das TV-Duell gewonnen / mehr überzeugt?”)

TV-Duell: Das Spiel mit den Erwartungen

Bei US-Präsidentschaftsdebatten gilt: Es gewinnt, wer die Erwartungen übertrifft. Ein unerwartet starker Auftritt erntet in der Regel wohlwollendes Medienecho und frisches Wählerinteresse. Das erklärt das komische Spiel der “expectation settings” vor den Debatten, in dem die Wahlkampagnen den gegnerischen Kandidaten regelmäßig als größtes Redetalent seit Demosthenes darstellen, den eigenen Kanddaten hingegen als unbeholfenen Stotterer.

So gesehen hat Peer Steinbrück gute Chance als gefühlter Sieger aus den TV-Duell mit der Kanzlerin am Sonntag hervor zu gehen. Denn Merkel geht als eindeutige Favoritin ins Rennen, nur wenige erwarten einen Debattentriumph Steinbrücks. Das ging auch früheren HerausforderInnen nicht besser (Frage: Wer wird das Duell gewinnen?):

Duell Erwartungen

Spiegelbildlich ist es stets der Herausforderer, der die Erwartungen des Publikums übertrifft (Frage: War der Kandidat besser als erwartet?):

Duell besser als erwartet

Zumindest im Spiel der Erwartungen kann Peer Steinbrück am Sonntag daher kaum verlieren!

Dreißig Tage

Dreißig Tage vor der Bundestagswahl stehen Sozialdemokraten und Grüne in den Umfragen  jeweils einen Tick besser da als zum gleichen Zeitpunkt vor vier Jahren. Die Union ist deutlich stärker, die FDP dramatisch schwächer als 2009.

30-1  (Tabelle: Umfrageschnitt 30 Tage vor der Bundestagswahl)

Der deutliche Vorsprung von Schwarz-Gelb vor Rot-Grün vor der Wahl ähnelt der demoskopischen Ausgangslage dreißig Tage vor den letzten drei Bundestagswahlen. Dabei steht Schwarz-Gelb heute schwächer dar als 2002, 2005 oder 2009.

30-2 (Tabelle: Umfrageschnitt 30 Tage vor der Bundestagswahl)

Den Vorsprung, den die Umfragen 30 Tage vor der Wahl auswiesen, konnte Schwarz-Gelb bei den letzten Wahlen nicht bis zum Wahltag halten. 2002 und 2005 legte Rot-Grün in den letzten vier Wahlkampfwochen jeweils noch eine furiose Aufholjagd hin. Und im lustlosen Wahlkampf 2009 verloren beide Lager kurz vor der Wahl an Zustimmung. Ein ähnlicher Einbruch in diesem Jahr würde Schwarz-Gelb die Wiederwahl kosten.

30-3(Tabelle: Abstand zwischen dem Umfrageschnitt 30 Tage vor der Wahl und dem Wahlergebnis.)

Zahl der Woche: 72%

… der Wähler sind laut Forschungsgruppe Wahlen noch nicht festgelegt, welcher Partei sie ihre Stimme geben. Auch Allensbach berichtet von einer Rekordzahl an Unentschlossenen unter den Wahlwilligen. Dazu Prof. Köcher von Allensbach: “[D]ies sollte eine Warnung sein, aus der verfestigten Langeweile der Vorwahlzeit schon jetzt auf ein überraschungsarmes Ergebnis zu schließen.”

Beherrschende Themen und Umfragewerte

Im Lauf des Wahljahres 2013 ist die Presseberichterstattung zu Kernthemen von Sozialdemokraten und Grünen wie sozialer Gerechtigkeit und Energie spürbar zurückgegangen. Parallel dazu sanken auch die Umfragewerte beider Parteien. Es liegt nahe, hier eine doppelte Wechselbeziehung zu vermuten: Während die verringerte Medienaktualität rot-grüner Themen den Umfragewerten der beiden Wunschpartner geschadet haben dürfte, hat es die demoskopische Schwächung der Parteien sicher nicht leichter gemacht, die eigenen Themen in den Medien zu setzen.

Für diese Analyse hat Countdown zur Bundestagswahl in der Pressedokumentation des Deutschen Bundestags anhand von Suchwort-Clustern die Zahl der Artikel ermittelt, die pro Woche bestimmte Themen aus den Bereichen “soziale Gerechtigkeit”, “Energiewende”, “Bürgerechte”, “Euro-Krise” und “Natur-/Tierschutz” ansprachen. Qualitative Kriterien wie Platzierung und Länge der Artikel konnten bei dieser quantitativen Erhebung leider nicht berücksichtigt werden. Da die Auswahl der Suchworte naturgemäß etwas willkürlich ist, lässt das Ergebnis auch nur begrenzte Schlüsse über die relative Gewichtung der Themen zu. Es zeichnet aber nach, wie sich die Berichterstattung zu den einzelnen Themen in Zeitverlauf entwickelt hat.

Pressetreffer 2013

Es zeigt sich: Bei vier der fünf Themen zeigt sich eine klarer Rückgang der Berichterstattung im Jahresverlauf. Zum Teil lässt sich das mit der Prominenz des fünften Themas – Bürgerrechte – im zweiten Halbjahr erklären. In den letzten Wochen dürfte auch die Zunahme von reiner, themengelöster Wahlkampfberichterstattung ein Faktor gewesen sein.

Was immer die Gründe, für Sozialdemokraten und Grüne war die verringerte Berichterstattung zu ihren Kernthemen sicherlich ein Manko, wie eine Gegenüberstellung mit den durchschnittlichen Umfragewerten der Parteien im betrachteten Zeitraum unterstreicht.

Presseteffer und Umfragen

Damit soll nicht geleugnet werden, dass die gegenwärtige Umfrageschwäche von Rot-Grün noch manch andere Ursachen hat. Sie lassen sich aber meist nicht so gut quantifizieren wie die sich ändernden Themenschwerpunkte der Medien.

Die richtigen Worte für den Wahlkampf

“Sprechen Sie zuallererst über Werte!” empfiehlt der Sprach-Leitfaden der CDU für den Bundestagswahlkampf. Das ist ein guter Rat, nicht nur für “Wertkonservative”. Denn Werte beeinflussen Wähler in der Regel mehr als Sachargumente. Und politische Kommunikation ist nach Erkenntnissen der Neurolingusitik am wirkungsvollsten, wenn sie mit Sprachbildern Werte transportiert. Im Fall der CDU mag die Bezugnahme auf allgemeine Werte zudem auch helfen, das Fehlen klarer inhaltlicher Wahlaussagen zu kaschieren.

Neurowissenschaftlich fundiert ist auch der Rat, die politischen Schlagworte der Gegenseite zu vermeiden. Denn so wie die Aufforderung “Denken Sie nicht an einen Elefanten!” zwangsläufig das geistige Bild eines Dickhäuters hervorruft, würde etwa die Aussage “Das Betreuungsgeld ist keine Herdprämie” die Zweifel am emanzipatorischen Wert des Instruments eher vertiefen als ausräumen.

Der lesenswerte CDU-Leitfaden findet sich hier. Ein Klassiker zum Thema ist “Auf leisen Sohlen ins Gehirn. Politische Sprache und Ihre heimliche Macht” von Georg Lakoff und Elisabeth Wehling.

INSA-Zahlen: Neuer Trend oder Ausreißer?

In einer an guten Nachrichten armen Zeit bietet die dienstägliche Veröffentlichung der neuen Wahlumfrage von INSA oft einen der wenigen Hoffnungsschimmer für bedrückte Anhänger eines rot-grünen Regierungswechsels. So auch heute wieder: Die neue INSA-Umfrage beschreibt ein enges Rennen zwischen Sozialdemokraten und Grünen mit zusammen 41% und Schwarz-Gelb mit 43%. Sie ist zugleich die einzige Umfrage, nach der eine rot-grüne Mehrheit näher liegt als die Wiederwahl von Schwarz-Gelb.

Die NSA-Zahlen hatten schon lange eine leichte Tendenz, die Union unterzubewerten. Betrachtet man den Countdown zur Bundestagswahl-Umfrageschnitt der letzten 10 Monate, lag der INSA-Wert für die Union im Mittel rund 1,3 Prozentpunkte darunter, der für Rot-Grün um 1,0 Prozent höher.  Mit der heutigen Umfrage geht die Schere aber noch viel weiter auseinander, wie die nachfolgende Tabelle zeigt. Sie vergleicht die neue INSA-Umfrage mit dem Umfrageschnitt der sechs übrigen großen Institute.

INSA Ausreißer

So markante Abweichungen vom Umfrageschnitt in der Regel auf einen statistischen Ausreißer hin. Oder wird die Wahl doch noch einmal enger und INSA hat den Trend nur als erstes erkannt? Wir dürfen auf die nächsten Umfragen gespannt sein…

Update 21.08.: Die neuen Umfragen von Allensbach und Forsa verschärfen die Ausnahmestellung von INSA noch.